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Kleiner Stich mit Folgen

Glossar

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Gefährdungsbeurteilung
 

Die Pflicht zur Gefährdungsbeurteilung ist eine Kernvorschrift (§ 5) des Arbeitsschutzgesetzes.

Der Arbeitgeber soll seine Arbeitsschutzmaßnahmen primär daran orientieren, was aufgrund der in seinem Betrieb tatsächlich bestehenden Gefährdungslage erforderlich ist. Der Blick soll nicht mehr vorrangig auf das Vorschriftenwerk, sondern auf die wirklichen betrieblichen Verhältnisse und die dort möglichen Gefährdungen gerichtet werden. Rechtsvorschriften sind zwar hilfreich, weil sie Lösungswege aufzeigen und vorgeben, sie können aber niemals jede betriebliche Lage abschließend und vollständig regeln. Hinzu kommt ein mehr psychologisches Moment: Wer dazu angehalten wird, sich selbst um die betrieblichen Verhältnisse zu kümmern und Gefährdungen aufzuspüren, wird zu eigenständigem, verantwortungsbewusstem Handeln angeleitet.

Gefährdungsbeurteilungen werden vom Arbeitsschutzgesetz für alle Arbeitsplätze gefordert. Ziel ist die lückenlose Ermittlung der erforderlichen Arbeitsschutzmaßnahmen. Die Beurteilung wird schrittweise durchgeführt:

  1. Ermittlung der Gefährdungen,
  2. Ermittlung der Personen, die gefährdet sein können,
  3. Bewertung des Risikos nach Wahrscheinlichkeit und Schwere eines möglichen Schadens,
  4. Entscheidung, ob und, wenn ja, welche Schutzmaßnahmen durchgeführt werden müssen,
  5. Festlegung einer Rangfolge der Schutzmaßnahmen nach ihrer Dringlichkeit,
  6. Durchführung der Schutzmaßnahmen
  7. Überprüfung ihrer Wirksamkeit.

Gleichartige Arbeitsplätze können zusammengefasst beurteilt werden.

Die Ergebnisse der Gefährdungsbeurteilung, die Festlegungen über Schutzmaßnahmen und die Ergebnisse ihrer Überprüfungen sind in einer Dokumentation zu sammeln und für Überprüfungen festzuhalten. Betriebe, mit zehn oder weniger Beschäftigten können auf eine solche Dokumentation verzichten. Betriebe die der Biostoffverordnung unterliegen, müssen diese allerdings durchführen. Teilzeitbeschäftigte werden dabei entsprechend ihrer Arbeitszeit mit folgenden Faktoren berücksichtigt:

Regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit von

  • nicht mehr als 20 Stunden: Faktor 0,5,
  • nicht mehr als 30 Stunden: Faktor 0,75.

Gefährdungsbeurteilungen sollen insbesondere dann durchgeführt werden, wenn

  • sicherheitstechnische oder arbeitsmedizinische Entscheidungshilfen für die Planung oder Änderung von Arbeitsplätzen, Anlagen und Verfahren benötigt werden,
  • in einzelnen Arbeitssystemen aufgrund von Hinweisen oder wegen bekannt gewordener Beinahe-Unfälle auf besondere Gefahren zu schließen ist,
  • bestimmte Arbeitsplätze, Arbeitsverfahren oder Tätigkeiten eine besondere Unfall- oder Gesundheitsbelastung zeigen,
  • bei Überprüfungen der Arbeitsplätze festgestellt wird, dass die Arbeitsschutzmaßnahmen nicht mehr ausreichend wirksam sind.

Direkte Gefährdungsbeurteilungen
Sie erfassen den gegenwärtigen (Istzustand) und vergleichen ihn mit dem wünschenswerten Stand (Sollzustand).

Bei der Ermittlung des Istzustands sollte jeder zu analysierende Arbeitsablauf in Teilvorgänge zerlegt werden. So werden Gefahren systematisch ermittelt und können Teilvorgängen zugeordnet werden. Die Ergebnisse müssen mit dem Soll-Zustand verglichen werden, wobei die Lücken in der Arbeitssicherheit zutage treten. Mit geeigneten Abhilfemaßnahmen können die Mängel beseitigt werden.

Für die Bewertung des Sollzustands geben bei herkömmlichen Gefährdungsarten, wie mechanische, elektrische, chemische und physikalische Gefährdungen, die bestehenden Spezialgesetze und -verordnungen, Unfallverhütungsvorschriften und BG-Regeln umfassende Maßstäbe und Bewertungskriterien an die Hand. Für neuartige oder neu ins Bewusstsein gerückte Gefährdungsarten gibt es solche Maßstäbe nicht oder noch nicht. Gemeint sind damit besonders Gefährdungen aufgrund der Arbeitsumgebung und der Arbeitsschwere sowie psychomentale Belastungen (z. B. Stress). Hier ist die fachliche und insbesondere auch soziale Kompetenz der Arbeitgeber und ihrer Führungs- und Fachkräfte gefragt. Arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse können dabei wertvolle Unterstützung leisten.

Bei der Planung von Neuanlagen kann kein Istzustand mit einem wünschenswerten Sollzustand verglichen werden, weil die Anlagen noch nicht vorhanden sind. In diesem Fall besteht die Gefährdungsbeurteilung in einer strengen, systematischen und kritischen Überprüfung der projektierten Anlage. Dabei ist abzuschätzen, welches Gefährdungspotenzial durch Fehlbedienungen oder Fehlfunktionen einzelner technischer Einrichtungen entstehen kann und welche Auswirkungen sich daraus für die gesamte Anlage ergeben können. Es hat sich bewährt, solche Überprüfungen in Teamarbeit der Fachkräfte für Arbeitssicherheit mit dem Projektleiter, dem zukünftigen Betriebsingenieur und gegebenenfalls weiteren Fachleuten aus anderen Bereichen, beispielsweise der Elektrotechnik, der Chemie, dem Bauwesen, durchzuführen.

Beispiele für Gefährdungsfaktoren:

  • mechanische Gefährdungen,
  • elektrische Gefährdungen,
  • chemische Gefährdungen,
  • biologische Gefährdungen,
  • Brand- und Explosionsgefährdungen,
  • thermische Gefährdungen (Hitze und Kälte),
  • physikalische Gefährdungen, z. B. durch Lärm, Vibrationen, Strahlung, Druck,
  • Gefährdungen durch die Arbeitsumgebungsbedingungen, z. B. durch Klima (Klimafaktoren am Arbeitsplatz), Beleuchtung, Raumgestaltung, Möblierung, einschließlich Mehrfachbelastungen,
  • physische Belastungen, Arbeitsschwere,
  • Belastungen aus Wahrnehmung und Handhabung,
  • psychomentale Belastungen, z. B. durch Tätigkeitsinhalt, Arbeitsablauf, spezielle Arbeitsbedingungen,
  • Gefährdungen durch Mängel in der Organisation, Information, Kooperation und Qualifikation.

Grundsätzlich geht man so vor, dass alle möglichen Gefährdungen und Belastungen ermittelt und anschließend beurteilt werden. Aus dem Ergebnis einer solchen Analyse sind geeignete Schutzmaßnahmen zu entwickeln. Das Ergebnis und die getroffenen Maßnahmen sind in Unterlagen festzuhalten (Dokumentation gemäß Arbeitsschutzgesetz § 6).
Die Schutzmaßnahmen sind anschließend im Betrieb umzusetzen; ihre Wirksamkeit ist von Zeit zu Zeit zu überprüfen. Die Beteiligung der Mitarbeiter bei der Gefährdungsbeurteilung ihrer Arbeitsplätze hat große Bedeutung, da sie wertvolle eigene Erfahrungen und Kenntnisse einbringen können.
Die gesetzlichen Unfallversicherer haben branchenspezifische Hilfen für die Betriebe (Gefährdungskataloge und Verzeichnisse von Gefährdungs- und Belastungsfaktoren) entwickelt. Insbesondere kleinere Betriebe können damit betriebliche Schwachstellen entdecken und beseitigen.

Indirekte Gefährdungsbeurteilungen
Sie werden vor allem durch Unfalluntersuchungen betrieben. Sie haben in diesem Zusammenhang das Ziel, die Unfallursachenkette aufzudecken und daraus Maßnahmen zur Vermeidung gleichartiger oder ähnlicher Unfälle festzulegen.

Wichtige Unterlagen für solche Unfalluntersuchungen sind das Verbandbuch, die Unfallanzeigen und besondere innerbetriebliche Formulare. Aus dem Verbandbuch können wichtige Erkenntnisse über Unfallgefahren gewonnen werden. Der Unfallanzeigenvordruck kann ferner als Anleitung für die Unfalluntersuchung herangezogen werden. Weitere innerbetriebliche Formulare helfen dabei, betriebliche Unfallschwerpunkte aufzudecken. Es ist auch sämtlichen Hinweisen über Beinahe-Unfälle nachzugehen.

Die Hersteller von Maschinen und vielen anderen technischen Arbeitsmitteln (z. B. auch Druckbehältern) sind gehalten, bereits bei der Konzipierung und dem Bau grundlegende Sicherheits- und Gesundheitsanforderungen zu beachten. Die hierfür erforderliche Maßnahme wird in den EG-Richtlinien Gefahrenanalyse genannt. Die Hersteller sind verpflichtet, eine solche Gefahrenanalyse vorzunehmen, um alle mit dem Produkt verbundenen Gefahren zu ermitteln. Sie müssen das Produkt dann unter Berücksichtigung dieser Analyse entwerfen und bauen. Das Ergebnis der Gefahrenanalyse muss außerdem in die vom Hersteller mitzuliefernde Betriebsanleitung einfließen.

Hier finden Sie eine Mustergefährdungsbeurteilung im Word- oder PDF-Format.