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Glossar

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Biologischer Arbeitsstoff
 

Der Begriff „biologische Arbeitsstoffe“ (biologische Agenzien) wird erstmals von der EG-Arbeitnehmerschutz-Richtlinie 90/679/EWG definiert. Diese Richtlinie ist 1999 mit der Biostoffverordnung (BioStoffV) in deutsches Recht umgesetzt worden. Demnach sind biologische Arbeitsstoffe Mikroorganismen einschließlich gentechnisch veränderter Mikroorganismen, Zellkulturen und humanpathogener Endoparasiten, die Infektionen, sensibilisierende oder toxische Wirkungen hervorrufen können. Auch transmissible, spongiforme Enzephalopathien erzeugende Agentien, die beim Menschen eine Krankheit bewirken können (z. B. der BSE-Erreger), zählen zu den biologischen Arbeitsstoffen. Unter Mikroorganismen versteht die BioStoffV alle mikrobiologischen Einheiten, die zur Vermehrung oder zur Weitergabe genetischen Materials fähig sind. Das sind Bakterien, Pilze und deren Sporen, Viren, Algen, Würmer und Protozoen.

Hinsichtlich ihrer infektiösen Eigenschaften werden biologische Arbeitsstoffe gemäß der BioStoffV in vier Risikogruppen eingeteilt:

  1. Biologische Arbeitsstoffe der Gruppe 1 sind Stoffe, bei denen es unwahrscheinlich ist, dass sie beim Menschen eine Krankheit verursachen.
  2. Biologische Arbeitsstoffe der Gruppe 2 sind Stoffe, die eine Krankheit beim Menschen hervorrufen können und eine Gefahr für Arbeitnehmer darstellen können; eine Verbreitung des Stoffes in der Bevölkerung ist unwahrscheinlich; eine wirksame Vorbeugung oder Behandlung ist normalerweise möglich.
  3. Biologische Arbeitsstoffe der Gruppe 3 sind Stoffe, die eine schwere Krankheit beim Menschen hervorrufen können und eine ernste Gefahr für Arbeitnehmer darstellen können. Die Gefahr einer Verbreitung in der Bevölkerung kann bestehen, doch ist normalerweise eine wirksame Vorbeugung oder Behandlung möglich.
  4. Biologische Arbeitsstoffe der Gruppe 4 sind Stoffe, die eine schwere Krankheit beim Menschen hervorrufen und eine ernste Gefahr für Arbeitnehmer darstellen. Die Gefahr einer Verbreitung in der Bevölkerung ist unter Umständen groß; normalerweise ist eine wirksame Vorbeugung oder Behandlung nicht möglich.

Biologische Arbeitsstoffe sind nicht nur dort anzutreffen, wo biologische Agenzien gezielt eingesetzt werden, wie in der Bio- und Gentechnik, sondern auch an vielen anderen Arbeitsplätzen, z. B. in der Landwirtschaft, der Abfallwirtschaft, in abwassertechnischen Anlagen oder im Gesundheitsdienst. Die BioStoffV unterscheidet deshalb die Begriffe „gezielte“ und „nicht gezielte Tätigkeiten“ mit biologischen Arbeitsstoffen.
Eine gezielte Tätigkeit liegt vor, wenn

  • die Spezies des biologischen Arbeitsstoffes bekannt ist,
  • die Tätigkeit auf den biologischen Arbeitsstoff unmittelbar ausgerichtet ist und
  • die Exposition der Beschäftigten im Normalbetrieb hinreichend bekannt oder abschätzbar ist.

Wenn auch nur eine dieser Voraussetzungen nicht gegeben ist, handelt es sich um nicht gezielte Tätigkeiten.

Zu den Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen zählen neben dem Herstellen und Verwenden von biologischen Arbeitsstoffen der berufliche Umgang mit Menschen, Tieren, Pflanzen, biologischen Produkten, Gegenständen und Materialien, wenn dabei biologische Arbeitsstoffe freigesetzt werden können und Beschäftigte mit den biologischen Arbeitsstoffen direkt in Kontakt kommen können. Als Beispiel für den weit gefassten Tätigkeitsbegriff der BioStoffV seien Forstarbeiten in Gebieten genannt, in denen mit FSME-Erregern belastete Zecken verbreitet sind.

Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze kommen seit Urzeiten in der Natur vor. Viele von ihnen übernehmen wichtige Aufgaben in den Stoffkreisläufen der Natur. Auch die Darmflora des Menschen oder die natürliche Besiedlung der Haut mit Bakterien können als positive Beispiele für die Nützlichkeit von Mikroorganismen genannt werden. Daneben gibt es jedoch Mikroorganismen, die dem Menschen durch ihre krankmachenden Eigenschaften schaden können.
Ob es tatsächlich zu einer Erkrankung kommt, hängt von mehreren Faktoren ab:

  1. Ein Aufnahmepfad in den Körper muss vorhanden sein.
  2. Anzahl und Virulenz der Erreger müssen entsprechend groß sein.
  3. Der Zustand des Immunsystems kann entscheidend sein.

Virulenz ist ein Maß für die Gefährlichkeit eines Erregers und umfasst neben der Infektionsdosis auch das Eindringvermögen, die Vermehrungsfähigkeit und die Giftigkeit des Erregers.
Ist das Immunsystem eines Menschen geschwächt (z. B. bei regelmäßiger Einnahme von bestimmten Medikamenten, nach Operationen, bei bestehenden Erkrankungen), können auch sonst eher harmlose Mikroorganismen eine Erkrankung verursachen. Das Immunsystem kann aber auch bestens gewappnet sein, z. B. durch Impfung oder schon bestehende Immunität nach einer überstandenen Infektion.
Aufnahmepfade sind:

  • das Einatmen in die Lunge,
  • das Eindringen durch die Haut (insbesondere bei Schnitt- oder Stichverletzungen) oder die Schleimhaut,
  • die Aufnahme durch den Mund (Essen, Trinken oder Rauchen mit verschmutzten Händen).

Neben Infektionskrankheiten können Mikroorganismen bzw. deren Stoffwechsel- oder Abbauprodukte (Endo-, Exotoxine) auch Allergien oder Krankheitsbilder wie die exogen allergische Alveolitis (Entzündung der Lungenbläschen) erzeugen. Beispiele hierfür sind die Farmerlunge und die Befeuchterlunge.

Zum Schutz der Beschäftigten vor Gefährdungen durch biologische Arbeitstoffe stellt die BioStoffV die grundlegende Rechtsvorschrift dar. Außerdem ist für den speziellen Bereich der gentechnischen Arbeiten das Gentechnikrecht maßgeblich.

Zentrales Präventionselement in der BioStoffV ist die Gefährdungsbeurteilung, die Auskunft über das Vorkommen von biologischen Arbeitsstoffen am Arbeitsplatz und über die möglichen Gefährdungen der Arbeitnehmer geben soll. Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung sind auch geeignete Schutzmaßnahmen zu ermitteln.

Neben Informationen über die vorliegenden Mikroorganismen (Identität, Einstufung, infektiöse, sensibilisierende und toxische Eigenschaften) sind tätigkeitsbezogene Informationen über Betriebsabläufe und Arbeitsverfahren, Art und Dauer der Tätigkeiten und damit verbundene Übertragungswege, mögliche Expositionen sowie Erfahrungen aus vergleichbaren Tätigkeiten von Bedeutung. Anhand dieser Informationen entscheidet der Arbeitgeber zunächst, ob gezielte oder nicht gezielte Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen vorliegen.

Für alle Tätigkeiten sind mindestens allgemeine Hygienemaßnahmen (Sicherheitsmaßnahmen der Schutzstufe 1) einzuhalten: Solche Maßnahmen sind vom Ausschuss für biologische Arbeitsstoffe (ABAS) in der Technischen Regel für biologische Arbeitsstoffe (TRBA) 500 „Allgemeine Hygienemaßnahmen: Mindestanforderungen“ zusammengetragen worden.

Bei gezielten Tätigkeiten werden den Risikogruppen 1 bis 4 direkt entsprechende Schutzstufen 1 bis 4 zugeordnet. Auch nicht gezielte Tätigkeiten werden den Schutzstufen 1 bis 4 zugeordnet, allerdings entscheidet hier nicht allein die vorliegende Risikogruppe. Liegen z. B. Mikroorganismen der Risikogruppe 2 vor, aber die Gefährdung ist aufgrund der vorherrschenden Randbedingungen vergleichbar derjenigen bei gezielten Tätigkeiten mit Mikroorganismen der Risikogruppe 1, so resultiert die Schutzstufe 1.
Sicherheitsmaßnahmen der einzelnen Schutzstufen sind den Tabellen der Anhänge II (Laboratorien und laborähnliche Einrichtungen) und III (übrige Bereiche) der BioStoffV zu entnehmen, wobei bei nicht gezielten Tätigkeiten für Anhang III eine Auswahlmöglichkeit besteht.
Als mögliche Schutzmaßnahmen sind generell zu nennen:

  • Ersatz eines Mikroorganismus durch einen weniger gefährlichen Organismus.
  • Technische Maßnahmen (Sicherheitswerkbänke, Einschließungen, Absaugungen usw.).
  • Organisatorische Maßnahmen (z. B. Begrenzung der Zahl der Beschäftigten in bestimmten Arbeitsbereichen, Zugangsbeschränkungen).
  • Persönliche Schutzausrüstung (z. B. Schutzkleidung, Schutzbrille, Schutzhandschuhe, Atemschutz).
  • Schutzimpfungen.

Die Maßnahmen orientieren sich gemäß BioStoffV am Stand der Technik.
Gezielte Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen der Risikogruppe 3 oder 4 bzw. nicht gezielte Tätigkeiten mit vergleichbarer Gefährdung dürfen nur fachkundigen und eingewiesenen Personen übertragen werden. Solche Tätigkeiten sind der zuständigen Behörde spätestens 30 Tage zuvor anzuzeigen.

Bei nicht gezielten Tätigkeiten kann die Gefährdungsbeurteilung mit Schwierigkeiten verbunden sein, weil oft nur wenige Informationen über die am Arbeitsplatz vorkommenden Mikroorganismen vorliegen. Hilfestellung geben insbesondere vom ABAS erstellte TRBA und branchenspezifische Regeln der Träger der gesetzlichen Unfallversicherung. Auch einige Leitlinien der Bundesländer sind zu nennen.
Ist eine mögliche Gefährdung zu erkennen, sind als typische Präventionsmaßnahmen zu nennen:

  • Gute Wachstumsbedingungen für Mikroorganismen verhindern, z. B. durch regelmäßige Wartung und Reinigung von Einrichtungen (Sortierbänder in Wertstoffsortieranlagen, Klimaanlagen, Luftbefeuchter),
  • Aerosol- und Staubbildung vermeiden,
  • Absaugungen verwenden.

Aufnahmepfade blockieren:

  • Bei Aerosolbildung Schutzbrille und Atemschutzmaske mit P2- oder P3-Filter bzw. partikelfiltrierende Halbmaske FFP2 oder FFP3 tragen,
  • Schnitt- und Stichverletzungen vermeiden, Schutzhandschuhe tragen, gebrauchte Kanülen in Kanülenabwurfbehälternsammeln,
  • bei starker Beanspruchung der Haut, z. B. durch ständigen Kontakt mit Wasser oder wässrigen Lösungen, Hautschutzcremes oder -lotionen verwenden,
  • in betroffenen Arbeitsbereichen nicht essen, trinken oder rauchen,
  • vor Pausen oder nach Beendigung der Arbeit Hände waschen (ggf. desinfizieren),
  • verunreinigte Arbeitskleidung oder Schutzkleidung nach Beendigung der Arbeit waschen oder ggf. desinfizieren.

Gefahrenbereiche sind mit dem Warnzeichen W16 „Warnung vor Biogefährdung“ zu kennzeichnen. Ggf. sind Schutzimpfungen anzubieten (z. B. gegen Tetanus, Hepatitis A, Hepatitis B).

Die Unterweisung der Beschäftigten über die auftretenden Gefahren, erforderlichen Schutzmaßnahmen und das Verhalten bei Unfällen oder Störungen erfolgt anhand einer Betriebsanweisung, in der arbeitsbereichs- und stoffbezogen auf die vorkommenden biologischen Arbeitsstoffe eingegangen wird. Dabei wird das Ergebnis der Gefährdungsabschätzung zugrunde gelegt.

Zur Überprüfung, ob technische Maßnahmen ausreichend sind, können Messungen der Keimbelastung in der Luft am Arbeitsplatz dienen. Erste standardisierte Mess- und Probenahmeverfahren sind in den TRBA 405 zur Strategie und 430 zur Bestimmung von Schimmelpilzkonzentrationen festgelegt worden. Messverfahren zur Bestimmung von Bakterien- und Endotoxinkonzentrationen werden in der BIA-Arbeitsmappe beschrieben. Die Festlegung von klar definierten, medizinisch begründeten Grenzwerten für biologische Arbeitsstoffe wird in absehbarer Zeit als kaum realisierbar eingeschätzt, weil die individuelle Empfindlichkeit von Menschen gegenüber Krankheitserregern sehr stark schwanken kann. Allerdings ist in der TRBA 211 „Biologische Abfallbehandlungsanlagen: Schutzmaßnahmen“ für Sortierkabinen, Kabinen und Steuerstände erstmals ein technischer Kontrollwert (TKW) aufgestellt worden.
Die Einhaltung dieses Wertes zeigt die Wirksamkeit der getroffenen technischen Maßnahmen an.

Beschäftigte, die Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen der Risikogruppe 4 ausüben, müssen gemäß BioStoffV zuvor arbeitsmedizinisch untersucht und beraten worden sein. Dies gilt auch für eine Reihe von Tätigkeiten mit niedriger eingestuften biologischen Arbeitsstoffen, die im Anhang IV BioStoffV genannt sind (vor allem im Bereich des Gesundheitsdienstes).
Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen müssen bei gezielten Tätigkeiten mit Biostoffen der Risikogruppe 3 bzw. nicht gezielten Tätigkeiten mit vergleichbarer Gefährdung (d. h. bei allen Tätigkeiten, denen die Schutzstufe 3 zuzuordnen ist) angeboten werden. Dies gilt auch für Tätigkeiten der Schutzstufe 2, es sei denn, es ist aufgrund der Gefährdungssituation und der getroffenen Maßnahmen nicht mit einem Gesundheitsschaden zu rechnen.

Steht ein geeigneter Impfstoff zur Verfügung, muss der Arbeitgeber den Beschäftigten, die biologischen Arbeitsstoffen ausgesetzt sein können, eine Impfung anbieten. Für arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen sei insbesondere auf den berufsgenossenschaftlichen Grundsatz G 42 „Tätigkeiten mit Infektionsgefährdung“ und die zugehörigen Auswahlkriterien hingewiesen, deren Informationen auch bei der Durchführung der Gefährdungsbeurteilung hilfreich sein können.

Für die Zukunft ist dem Bereich der biologischen Arbeitsstoffe eine wachsende Bedeutung zuzumessen. So wird die moderne Biotechnik wegen ihrer Möglichkeiten, mithilfe von Mikroorganismen bestimmte chemische Stoffe herzustellen (z. B. Arzneimittel, Vitamine, Zwischenprodukte in der chemischen Synthese) oder abzubauen (z. B. Bodensanierung, Wasseraufbereitung), eine immer größere Verbreitung erfahren. Aber auch nicht gezielte Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen werden im Rahmen der Bestrebungen zum vermehrten Recycling von Materialien zunehmen.