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Kleiner Stich mit Folgen

Gefahr

Welche Erreger können übertragen werden?
HBV, HCV und HIV bei Beschäftigten in Medizinberufen
 

Die Beschäftigten in medizinischen und zahnmedizinischen Berufen, einschließlich Reinigungs-, Wäscherei- und technischem Personal, sind durch häufige Blutkontakte einem erhöhten beruflichen Infektionsrisiko ausgesetzt.

In Deutschland sowie in den Industrieländern Europas, Nordamerikas und des Pazifikraums gelten in diesen Berufen das Hepatitis-B-Virus (HBV), das Hepatitis-C-Virus (HCV) und das Humane Immundefizienzvirus (HIV) als die wichtigsten parenteral übertragbaren Infektionserreger. Berufsbedingte Infektionen mit HIV spielen in Deutschland aber nur eine untergeordnete Rolle.

Hepatitis-B-Virus
Die (nicht geimpften) Beschäftigten in medizinischen Berufen (BGD) hatten vor der Einführung der Hepatitis-B-Schutzimpfung im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein um das 2,5- bis 3-fach erhöhte Risiko für eine HBV-Infektion [1, 2, 3, 4].

In einer sehr umfangreichen epidemiologischen Studie, die im Rahmen einer HB-Impfkampagne in Österreich durchgeführt wurde, erwiesen sich Dialyse und Anästhesie als besonders HB-risikoreiche Arbeitsplätze [5]. In einer bei den Beschäftigten des Universitätsklinikums Freiburg vorgenommenen Untersuchung wurde das größte auf den Beruf bezogene Risiko bei den Angehörigen der Berufsgruppe „Pflegehelfer”, gefolgt von der Berufsgruppe „Reinigung” gefunden [6].

Dank der von der STIKO initiierten [7] und seit mittlerweile 25 Jahren andauernden HB-Impfkampagne ist die HB-Inzidenz bei den Beschäftigten im GD gesunken [8, 9, 10].

Die Veränderungen der epidemiologischen Situation der HBV-Infektion in Deutschland, die auf die in den letzten 15 Jahren konsequent durchgeführte HBV-Schutzimpfung bei Beschäftigten im Gesundheitsdienst zurückzuführen sind, hat die Analyse von HB-Seroprävalenzdaten [11] beschrieben, die bei medizinischem und nichtmedizinischem Personal einer süddeutschen Universitätsklinik 1984 [12], 1989 [13] und 1994 [14] erhoben wurden.

Diese Daten wurden mit den Ergebnissen von drei Erhebungswellen verglichen bzw. durch sie ergänzt, die zwischen 1990 und 2001 in einer großen städtischen Klinik in Nordrhein-Westfalen gesammelt wurden. Somit stand ein Gesamtdatensatz von rund 19.000 deutschen Beschäftigten zur Verfügung.

Die Anti-HBc-Prävalenz sank beim medizinischen Personal statistisch signifikant (von 12,4 % auf 1,9 %, Diagramm 1). Beim Anteil HBsAg-Positiver im medizinischen Bereich wurde 2001 eine nur noch halb so hohe Rate gefunden wie 15 Jahre vorher (Reduktion von 0,8 % auf 0,3 %). Auch beim nichtmedizinischen Personal reduzierte sich die Seroprävalenz (von 6,8 % auf 4,4 %, Diagramm 2).


Diagramm 1: Anti-HBc/s nach Altersgruppen, medizinisches Personal


Diagramm 2: Anti-HBc/s+ nach Altersgruppen, nicht-medizinisches Personal

Hepatitis-C-Virus
In den letzten Jahren wurden zahlreiche Studien durchgeführt, die ein signifikant erhöhtes HCV-Infektionsrisiko bei Angehörigen verschiedener medizinischer und zahnmedizinischer Berufe ergaben [15]. In einer Untersuchung [16] an 245 Beschäftigten, bei denen ein pathologischer Serumtransaminasenwert gefunden wurde, zeigte sich (im Vergleich mit Beschäftigten im nichtmedizinischen Bereich) bei Beschäftigten im medizinischen Bereich ein relatives Risiko für eine HCV-Infektion von 3,22 (p < 0,05).

HIV
Beruflich erworbene HIV-Infektionen sind (verglichen mit den HBV- und den HCV-Infektionen) wesentlich seltener [17]. Bis Ende 2001 sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) 44 HIV-Infektionen/AIDS-Erkrankungen bei BGD als BK anerkannt worden [18, 19] (hinzu kommt ein mittelbar infiziertes Kind [20]). In 14 Fällen sind eine (oder mehrere) NSTV als Übertragungsweg identifiziert worden [21].

Literatur

[1] HOFMANN, F., KLEIMEIER, B., WANNER, CH., BERTHOLD, H.: Zur Hepatitis-B-Gefährdung der Beschäftigten im Gesundheitswesen. Arbeitsmed. Sozialmed. Präventivmed. 1987; 22: 49-52

[2] MAHONEY, FJ., STEWART, K., HU, H., COLEMAN, P., ALTER, MJ.: Progress toward elimination of hepatitis B virus transmission among health care workers in the United States. Arch Intern Med 1997; 157: 2601-1605

[3] SONNTAG, HG., ALBERS, KA., GÄRTNER, H.: Überwachung der Virushepatitiden in Schleswig-Holstein. BGBl 1979; 22: 224-228

[4] WINDORFER, A., SEIKER. W,, STROSCHER, J.: Hepatitiserkrankungen bei Gesundheitsberufen (Beispiel Bundesland Niedersachsen). Öff. Gesundh. Wes. 1989; 51: 118-121

[5] MARUNA, H., WINKER, N.: 10 Jahre Hepatitis-B-Impfaktion der sozialen Unfallversicherung der Republik Österreich. In: Hofmann F. Reschauer G. Stößel U. (Hrsg). Arbeitsmedizin im Gesundheitsdienst VIII. Freiburg: edition FFAS 1995: 94-102

[6] KRALJ, N., HOFMANN, F., MICHAELIS, M., BERTHOLD, H.: Zur gegenwärtigen Hepatitis-B-Epidemiologie in Deutschland. Gesundheitswesen 1998 ;60:450-455

[7] NN. Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut /Stand: Juli 2001. RKI Epid Bull 2001; 28: 203-218

[8] KRALJ, N., BEIE, M., MICHAELIS, M., BERTHOLD, H., HOFMANN, F.: Hepatitis-B-epidemiology: Changes after intervention with hepatitis-B-vaccine and hepatitis-B-immunoglobulin. Infection 2000; 28 Suppl 1: 38-39

[9] HOFMANN, F., STÖSSEL, U., KOTY, T., RAUCH, A., BERTHOLD, H.: Aktuelle Aspekte der Hepatitis-B-Epidemiologie In: Hofmann F. Stößel U. (Hrsg). Arbeitsmedizin im Gesundheitsdienst VI.  Stuttgart: Gentner 1992: 105-109

[10] HOFMANN, F., SCHWENK, CH., BITZENHOFER, W., BERTHOLD, H.: Die Hepatitis-B-Schutzimpfung. Sichere Arbeit 1990; 5: 10–14

[11] HOFMANN, F., MICHAELIS, M., KRALJ, N., SCHROEBLER, S.: Verlauf der Hepatitis-B-Seroprävalenz zwischen 1984 und 2001 in zwei großen klinischen Einrichtungen. Dokumentationsband über 44. Jahrestagung der DGAUM. Fulda. Rindt-Druck; 2004; 383-5

[12] HOFMANN, F., KLEIMEIER, B., WANNER, C., BERTHOLD, H. (1987): Zur Hepatitis-Gefährdung der Beschäftigten im Gesundheitswesen. Arbeitsmed. Sozialmed. Präventivmed 22, 49-52

[13] HOFMANN, F., STÖSSEL, U., KOTY, T., RAUCH, A., BERTHOLD, H. (1992): Aktuelle Aspekte der Hepatitis-B- Epidemiologie. In: Hof¬mann F, Stößel U (Hrsg.): Arbeitsmedizin im Gesundheitsdienst, Bd. 7. Gentner Verlag Stuttgart, 105-109

[14] KRALJ, N., HOFMANN, F., MICHAELIS, M., BERTHOLD, H. (1998): Zur gegenwärtigen Hepatitis-B- Epidemiologie in Deutschland. Gesundheitswesen 60, 450-455

[15] KRALJ, N., HOFMANN, F., RIEGER, MA.: Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Epidemiologie bei Beschäftigten im Gesundheitsdienst. In: Selmaier H. Manns MP. Virushepatitis als Berufskrankheit – Ein Leitfaden zur Begutachtung. Landsberg: ecomed, 2000: 71-92

[16] HOFMANN, F., MICHAELIS, M., RIEGER, MA., HASSELHORN, HM., BERTHOLD, H.: Zur arbeitsmedizinischen Bedeutung der Hepatitis C bei Beschäftigten im Gesundheitsdienst. Gesundheitswesen 1997; 59: 452-460

[17] N.N.: PHLS AIDS & STD Centre at the Communicable Disease Surveillance Centre & Collaborators: Occupational Transmission of HIV; Summary of Published Reports. 1999

[18] N.N.: Berufsbedingte HIV-Infektionen bei medizinischem Personal; Bericht zur Situation in Deutschland. RKI Epid Bull 2001;42:319-321

[19] JARKE, J., MARCUS, U.: Berufsbedingte HIV-Infektionen bei medizinischem Personal. Arbeitsmed. – Sozialmed. – Umweltmed. 2002; 37: 218-231

[20] HEESE, B.: Berufsbedingte HIV-Infektion bei einer Krankenschwester und ihrem Kind. Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 1998; 33: 260-261

[21] N.N.: Fallbericht: Beruflich erworbene HIV-Infektion nach Kanülenstichverletzung. RKI Epid Bull 2001; 42:322-323