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Kleiner Stich mit Folgen

Gefahr

Was sind Nadelstichverletzungen?
Chirurgisch-/zahnmedizinisch-invasiver Bereich
 

Zu Nadelstichverletzungen kommt es sowohl bei chirurgischen Eingriffen [1] als auch in der Zahnmedizin [2] sehr häufig.

Schutzhandschuhe, die in diesen Bereichen in der Regel bei allen Tätigkeiten getragen werden, bieten einen sehr guten Schutz vor Blutkontakt, solange sie intakt bleiben. Durch die Verwendung spitzer und scharfer Instrumente kommt es aber sehr häufig zu Handschuhperforationen und damit zu Blutkontakten, die oft auch von einer Hautverletzung an der Hand des Benutzers begleitet werden.

Die richtigen Verhaltensweisen zum sicheren Umgang mit gebrauchten spitzen und scharfen Gegenständen und zur sicheren Instrumentenaufbereitung auf der unreinen Seite der Zentralsterilisation finden Sie in diesem Videofilm anschaulich dargestellt.


Es sind mittlerweile weltweit zahlreiche Studien zu Handschuhperforationsraten durchgeführt worden. Dabei wurden chirurgische Handschuhe nach Gebrauch (vorwiegend) mittels der Wasserhalteprüfung (Bild 1) oder (seltener) mittels anderer Messmethoden nach Perforationen untersucht.


Bild 1: Die Messapparatur nach DIN EN 455/1

Diese Studien lassen genauere Einschätzungen der Infektionsrisiken zu als Befragungserhebungen, da die Beschäftigten ihre Verletzungen häufig im Eifer des Gefechts nicht bemerken.

Folgende Schlüsse konnten abgeleitet werden:

Die Handschuhperforationsrate ist von der Art des OP-Eingriffs abhängig:
Länger andauernde Eingriffe [3], die eines größeren Kraftaufwands bedürfen und an Knochen [4] oder in der Tiefe [5] vorgenommen werden, führen häufiger zu Handschuhverletzungen (mit Perforationsraten von bis zu 70 %). Eine deutlich niedrigere Rate an Perforationen (etwa 9 % der Handschuhe perforiert) findet sich bei laparoskopischen und endoskopischen Eingriffen [6, 7].

Da Handschuhe logischerweise nur paarweise getragen werden, ist die Anzahl daraus entstehender Blutkontakte für die beschäftigten Personen pro OP-Eingriff doppelt so hoch. Die tatsächliche Gefährdung muss aber noch höher eingeschätzt werden, da auf dem Tagesprogramm i. d. R. mehr als eine Operation steht.

Perforationen werden gehäuft an Zeigefinger und Mittelfinger der nicht dominanten (nicht das Instrument führenden) Hand gefunden [8].

Der leitende Operateur und insbesondere das Assistenzpersonal haben die höchsten Verletzungsrisiken [9]. In einer an der Universität Wuppertal durchgeführten Studie konnte bei OP-Schwestern/-Pflegern, die bei verschiedenen herzchirurgischen Engriffen assistiert hatten, eine Handschuhperforationsrate von 34,8 % nachgewiesen werden. Die Perforationsrate an den Handschuhen des leitenden Operateurs betrug 26,2 %. Mittels Videoanalyse konnten besonders handschuhverletzungsträchtige Arbeitschritte (z. B. „Anwachsen” vom Sternum oder Perikardpräparation mittels Elektrokauter) erkannt werden.


Bild 2: Mikroskopische Aufnahme einer Handschuhperforation


Bild 3: Mikroskopische Aufnahme einer Handschuhperforation

Handschuhperforationen werden vom Benutzer sehr häufig nicht bemerkt; die erforderliche Meldung an den Betriebs- oder D-Arzt erfolgt daher nicht. So wurden in einer eigenen Studie die Handschuhperforationsraten von bis zu 18 % (abhängig von der OP-Art und dem Benutzer) gefunden, wobei in die Untersuchung nur die vom Personal als unbeschädigt (nicht perforiert) eingestuften Handschuhe aufgenommen wurden [10].

Informationen zur Vermeidung von Nadelstichverletzungen an gebrauchten chirurgischen Instrumenten in der Zentralsterilisation finden Sie hier. Eine Musterbetriebsanweisung zum Thema finden Sie hier.

Literatur

[1] PIETRABISSA, A., MERIGLIANO, S., MONTORSI, M., et al.: Reducing the occupational risk of infections for the surgeon: multicentric national survey on more than 15,000 surgical procedures. World J Surg 1997;21:573-8

[2] RAMOS-GOMEZ, F., ELLISON, J., GREENSPAN, D., BIRD, W., LOWE, S., GERBERDING, JL.: Accidental exposures to blood and body fluids among health care workers in dental teaching clinics: a prospective study. J Am Dent Assoc 1997;128:1253-61

[3] ZIMMERMANN, C.H., JUNGHANNS, K.: Die Verwendung eines neuen Perforationsindikatorsystems in der chirurgischen Routine. Hyg Med 21 (1996) 486-492

[4] ECKERSLEY, J.R., WILLIAMSON, D. M.: Glove punctures in an orthopaedic trauma unit. Injury 21 (1990) 177-178

[5] HOLLAUS, P.H. F., LAX, D., JANAKIEV, P. N., WURNIG, N., PRIDU, S.: Glove perforation rate in open lung surgery. Eur J Cardiothorac Surg 15 (1999) 461-464

[6] EKLUND, A.M., OJAJÄRVI, J., LAITINEN, K., VALTONEN, M.,  WERKKALA, K. A.: Glove punctures and postoperative skin flora of hands in cardiac surgery. Ann. Thorac. Surg. 74 (2002) 149-53

[7] POPEJOY, S.L., FRY, D. E.: Blood contact and exposure in the operating room. Surg. Gynec. Obstet. 172 (1991) 480-483

[8] KRALJ, N., BEIE, M., HOFMANN, F. : Chirurgische Handschuhe - wie gut schützen sie vor Infektionen? Gesundheitswesen  61 (1999) 398-403

[9] HEEG, P.: Sicherheitsaspekte bei Operationshandschuhen. Operat. Orthop Traumatol 5 (1993) 291-293

[10] BEIE, M., KRALJ, N. DANY, T., QUADFLIEG, A., HOFMANN, F.: Zum Perforationsrisiko von Handschuhen bei chirurgischen Eingriffen. In Schäcke, G., Lüth P., (Hrsg.): Dokumentationsband über 40. Jahrestagung der DGAUM, 303-304. Rindt Druck, Fulda, 2000